“Wir müssen die Neuerfindung unseres Lebens selbst in die Hand nehmen”

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Hier folgt der zweite Teil des Interviews mit Sebastian Sooth (Bild), der mit seinem Hallenprojekt in Deutschland das so gennante Coworking populär machen möchte, also das zeitweise Arbeiten an verschiedenen Orten, anstatt jeden Tag ins gleiche Büro zu gehen. Den ersten Teil des Gesprächs, in dem das Konzept ausführlicher erklärt wird, gibt es hier.

Sebastian, das Hallenprojekt wird gern im Kontext “Berlin/Mitte, Café St. Oberholz, Digitale Bohème” eingeordnet. Erkläre, warum das zu kurz gedacht ist.

Das Hallenprojekt ist die Manifestation des Grundsatzes “so arbeiten, wie wir leben wollen”. Das funktioniert natürlich nicht nur in der Berliner Mitte. In Berlin wird dieser Wandel nur am stärksten sichtbar, weil die Stadt als Hotspot für Menschen funktioniert, die selbstbestimmt leben und arbeiten wollen. Das Beispiel Oberholz als stark frequentiertes WLAN-Kaffeehaus zeigt ja vor allem, dass es einen großen Bedarf an diesen neuen gemeinschaftlichen Arbeitszonen gibt. Das Arbeiten im öffentlichen Raum mit der Interaktion zwischen verschiedenen Menschen fand ja auch im letzten Jahrhundert schon statt.

Auch die Diskussion um die Zukunft des Büros existiert ja nicht erst seit gestern. Der Unterschied liegt daran, dass wir heute in der Situation sind, dass es uns durch bezahlbare und funktionierende digitale, vernetze Tools möglich ist, tatsächlich von jedem Ort der Welt aus zu arbeiten, an dem es Zugang zum Netz und Strom gibt. Wovon heute vor allem die “Netzarbeiter” profitieren, wird mit der Einführung ganz neuer Produktionsmethoden auch auf andere Arbeitsbereiche ausstrahlen.

Wenn wir künftig entscheiden, wo und mit wem wir arbeiten – ist das nur ein Teil einer größeren Emanzipationsbewegung hin zu Lifehacking/Lifestyle Design, also sich das Leben mit Hilfe neuer Techniken so einzurichten, wie man es gern hätte? Hast Du einen besseren Begriff dafür, oder eine abweichende Definition?

Den Begriff Lifehacking finde ich dafür zu kurz gedacht. Das wirkt immer eher wie ein Rumdoktorn an Symptomen, so, als müsse sich nur der Einzelne an einzelnen Punkten optimieren. Sympathischer finde ich da die OpenEverything-Bewegung, die von einem gemeinschaftlichen, offenen Zusammenwirken in allen Bereichen der Gesellschaft ausgeht.

Wie darf man sich das vorstellen?

Bisher ist Individualismus nur in unserem Freizeitverhalten akzeptiert. Beim aktuell stattfindenden Wandel zur Netzgesellschaft wird sich das aber auf alle anderen Bereiche ausdehnen. Wir werden nicht nur anders arbeiten, sondern auch anders wohnen und anders zusammenleben. Das Internet ist hierbei der Katalysator, weil Transaktionskosten für eine extrem flexible Nutzung verschiedenster Ressourcen gegen Null sinken.

Klingt sehr abstrakt. Hast Du konkrete Beispiele?

Im Berliner Hansaviertel gibt es seit der Internationalen Bauausstellung 1957 ein Haus, in dem zwei Gemeinschaftsetagen existieren. Heute werden diese leider hauptsächlich als Abstellfläche genutzt. Dabei ist dieses Modell eigentlich ideal, um gemeinsam zu leben und zu arbeiten.

Es werden flexiblere Mobilitätskonzepte zwischen reinem Indivualverkehr und öffentlichen Transportmitteln entstehen. Daimler probiert im Projekt “Car2go” beispielsweise die absolut flexible Nutzung von Carsharing aus, mit Autos die man nicht mehr an Sammelstellen abholen und abstellen muss, sondern im gesamten Stadtgebiet on demand nutzen kann.

Ein anderer Bereich ist Couchsurfing, hier bieten Menschen in einer Web-Community kostenlose Unterkünfte für Reisende an.

Sind technische oder gesellschaftliche Veränderungen die Ursachen für solche Phänomene?

Die Prinzipien des Netzes und von Netzwerken werden Vorbild sein für Veränderungen im realen Leben. Cloud Computing, dezentrale Strukturen, Peer2Peer-Kommunikation werden ihre Entsprechung im gesellschaftlichen Umgang miteinander finden. Access statt Eigentum wird nicht nur bei immateriellen Gütern die Nutzungsmöglichkeiten revolutionieren.

Neue Technologien ermöglichen es uns, orts- und zeitunabhängig miteinander zu kommunizieren. Der einfache Zugang zu Gleichgesinnten überall auf der Welt über das Netz weckt das Bedürfnis, uns auch im alltäglichen, lokalen Umfeld mit den Leuten und Fragen zu beschäftigen, die uns wirklich interessieren und mit denen wir freiwillig Kontakt suchen. Die Gleichzeitigkeit von Aktionen, Verbindungen, Interessensphären wird weiter zu nehmen.

Wenn man die aktuelle Wirtschaftskrise als Anlass begreift, bestehende Strukturen in Frage zu stellen, neue Ideen zu entwickeln – würdest Du zustimmen, dass die alten Institutionen (lebenslange Festanstellung, 9to5-Job, Geldanlage, Rente, etc.) zunehmend passé wirken und wir uns stattdessen selbst unser Leben neu erfinden müssen? Sind die Verlässlichkeiten der Elterngeneration weg und wir stattdessen auf uns selbst zurück geworfen?

Wir leben in interessanten Zeiten. Lange angenommene Strukturen und Verlässlichkeiten brechen weg, die eine Sicherheit vortäuschten, die es so nie gab. Im Gegenzug schränkten sie individuelle Freiheiten und Entwicklungsmöglichkeiten ein, in dem sie die Unterwerfung unter ein hierarchisches, paternalistisches System verlangten. Für die neu zu gewinnenden Freiheiten braucht es aber natürlich auch neue Arten von Sicherheiten und ganz andere Unterstützungssysteme.

Nur die Politik hat das noch immer nicht erkannt oder verschließt die Augen davor. Wenn in den Wahlprogrammen der Parteien das Prinzip Vollbeschäftigung immer noch als höchstes Ziel deklariert wird, wenn auf der Website des Arbeitsministerium im Bereich “Lebenslagen” die Freiberufler und Selbstständigen fehlen, wenn jenseits aller gesellschaftlichen Realität das Modell der lebenslangen Ehe immer noch das Maß aller sozialen Sicherungssysteme ist, dann wird deutlich, dass wir die Neuerfindung unseres Lebens selber in die Hand nehmen müssen.

Zum Beispiel wie?

Wir erziehen und bilden unsere Kinder immer noch für eine Industriegesellschaft, mit Menschen, die aus einer solchen kommen. Wir leben aber in einer Netzwerkgesellschaft, in der die ständige, flexible Neukombination unendlich viele neue Möglichkeiten bietet. Insofern sind neue Arbeitsformen wie Coworking eigentlich eine logische Konsequenz dieser Entwicklung.

Da sind natürlich rückwärts gewandte Instrumente wie die Abwrackprämie nur ein letztes verzweifeltes Aufbäumen der alten Strukturen. Man stelle sich vor, wie viel brachliegendes Potential eine Aktion “One Laptop Per Adult” nutzbar hätte machen können, wenn die Produktionsmittel der Wissensgesellschaft in Hände der bisher abhängig Beschäftigten gegeben worden wären. “Baut kleine, geile Firmen auf” sang schon Funny van Dannen.

Ermöglichen die neuen sozialen Techniken dieses “sich neu erfinden” für jedermann? Oder ist das Ganze nur ein Elitephänomen?

Ich denke, dass, was wir gerade erleben ist ein Phänomen einer Avantgarde, nicht das einer Elite.

Als ich 1996 mein erstes Mobiltelefon hatte, stieß ich größtenteils auf Unverständnis. Es war als „Yuppie-Statusymbol“ negativ angesehen. Wozu solle denn ein normaler Mensch ständig und überall erreichbar sein, wurde ständig gefragt. Heute ist es selbstverständlich, sich sein Leben mit Hilfe dieses ständigen Begleiters zu organisieren.

Meine Generation ist mitten im Wandel von der analogen in die digitale, vernetze Welt aufgewachsen. Wenn ich mir ansehe, wie schnell und einfach man heute mit einem Facebook-Event ein Treffen organisiert hat oder mittels Googledocs mit auf der ganzen Welt verstreuten Menschen Texte oder Konzepte schreibt oder in der Wikipedia Informationen zu jedem denkbaren Thema findet, und das mit der Welt von vor 1995 vergleiche, dann sehe ich trotz aller krampfhaften Einschränkungsversuche der alten Garde eine Welt, in der wir mehr Freiheiten haben als je zuvor.

In dem Moment, in der die nachfolgende Generation ins Berufsleben eintritt, wird sich der Prozess extrem beschleunigen. Jemand, der damit groß geworden ist, seine Freunde jederzeit online zu erreichen, sich kollaborativ im Netz bewegt, sich Informationen mit zwei Mausklicks zu besorgen und alles ständig neu zu kombinieren, wird sich mit den alten Strukturen nicht lange abfinden. Und das ist auch gut so.

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