“Sag regelmäßig ‘Nein’ zu Aufgaben, die an Dich herangetragen werden”

Weiter geht’s in meiner kleinen Reihe von Interviews mit interessanten Menschen, die ich im Rahmen der Recherche für mein neues Buch befrage. Nach Rolf Potts, Johannes Kleske und Sebastian Sooth folgt nun Florian Steglich (Foto). Er ist Redakteur des großartigen Produktivitäts-Blogs imgriff.com und weiß also alles über Ordnung, Motivation, Kreativität und wie man Dinge ganz allgemein geregelt bekommt.
Ich habe Florian als klugen und eloquenten Moderator eines Panels über persönliche Produktivität auf der letzten Cebit Webciety kennen gelernt – und bin natürlich regelmäßiger imgriff-Leser. Teil 2 des Interviews erscheint in einigen Tagen.
Florian, kurz erklärt: Wozu gibt es imgriff?
imgriff.com ist ein Produktivitätsblog, eines der ganz wenigen im deutschsprachigen Raum, die sich wie ihre amerikanischen Vorbilder stark mit Methoden der Selbstorganisation und den digitalen und analogen Tools dafür beschäftigen. Es bietet also “Anschauungsmaterial” für alle, die das, was sie (beruflich wie privat) nun mal erledigen müssen, entspannter und effizienter erledigen möchten.
Es hat sich übrigens bewährt, auch dazuzusagen, was imgriff.com NICHT sein soll: Nämlich belehrend (‘Du musst früh aufstehen, um produktiv zu sein!’), esoterisch (‘Du kannst alles schaffen, wenn Du nur genügend Kraft durch den Glauben an Dich und Deine Talente schöpfst’) und technologiegläubig (‘Du musst nur eine möglichst schicke und geschmeidige Software finden, dann läuft alles wie von selbst’).
Was macht das Arbeiten an Techniken zur persönlichen Produktivität für viele Menschen so spannend? Wer ist die Zielgruppe?
An sich ist die Zielgruppe sehr, sehr weit gefasst: Ob jemand mithilfe unserer Tipps eine Seminararbeit schreibt, seine Anwaltspraxis auf organisiertere Füße stellt, ein Social Network programmiert oder seinen Keller aufräumt, macht keinen großen Unterschied. Einer unserer regelmäßigen Leser stellt zum Beispiel Pfeile (as in: Pfeil und Bogen) her, das ist sein Beruf.
Das hängt wesentlich von der Definition von Aufgaben und Projekten ab, wie sie etwa David Allen in seiner Methode “Getting Things Done” setzt: Er erklärt erstens alles zum Projekt, was mehr als einen einzigen Schritt umfasst, und macht zweitens keinen Unterschied zwischen privaten und beruflichen Aufgaben und Projekten. Diese Auffassung steht auch hinter den Artikeln von imgriff.com.
Allerdings gibt es so etwas wie eine Kernleserschaft von Kreativen, Wissensarbeitern, Webworkern, Bloggern und Studenten. Das kommt zum einen daher, dass wir Autoren überwiegend aus diesen Bereichen kommen, zum anderen daher, dass wir mit unseren Tests von Webapplikationen und ähnlichem sicher eher für diejenigen schreiben, die schon recht vertraut mit dem Internet als Werkzeug sind.
Warum ist das Thema heute relevant? Welche technischen und gesellschaftlichen Veränderungen bringen es auf die Agenda?
Die Frage, wie man sein Leben organisiert, ist natürlich nicht erst seit fünf oder fünfzehn Jahren relevant. Auch das Bestellen eines Weinbergs ist nichts, was man ohne Planung hinbekommt. Allerdings hat das, was immer etwas hilflos “Infoflut” genannt wird, das Thema sicherlich dringlicher gemacht. Mit überfüllten E-Mail-Postfächern kämpft mittlerweile fast jeder, mit Web-2.0-Tools arbeiten nicht mehr nur die “Early Adopters”, örtlich und zeitlich verteilte Teams sind in vielen Jobs normal. Es gibt dieses schöne Video “Did you know 3.0″ mit der Information, dass die zehn gefragtesten Jobs im Jahre 2010 sechs Jahre zuvor, 2004, noch gar nicht existierten. Selbstorganisation wird wichtiger, wenn das Drumherum sich auflöst, und kann eine Konstante sein, wenn man sich in so vielen anderen Lebensbereichen ständig anpassen muss. Da stehen wir vielleicht nicht mehr am Anfang, aber wahrscheinlich auch noch nicht im Zenith.
Wir erleben zunehmend das Ende der Anwesenheitspflicht im Büro und schaffen so erstmals auch für Festangestellte einen Anreiz, ihre persönliche Produktivität zu verbessern. Das heisst zugleich: Auch Festangestellte müssen lernen, sich – so wie bislang Freiberufler – selbst zu organisieren. Deine Einschätzung dazu?
Na, ein Glück!
Ich sehe das genauso, die Unterschiede in Sachen Selbstorganisation und in der von außen vorgegebenen Struktur werden nicht mehr grundlegende sein. Allerdings war man auch als Festangestellter bisher nie komplett “fremdorganisiert”, dafür ist der Post-it-Zettel mit den Passwörtern fürs Firmennetzwerk – man verzeihe mir das böse Klischee – nur ein sichtbares Beispiel. Ich würde insofern eher formulieren, dass sich Festangestellte zunehmend selbst organisieren _dürfen_ oder sollen.
Was sind die Kerneinsichten, die Du selbst für Deine Arbeit/Produktivität/Organisation aus imgriff mitnimmst? Welche Tipps muss man heute wirklich jedem geben?
Eine Einsicht ist, wie bereits erwähnt, die, dass es nie nur irgendein schickes Tool braucht, um produktiv zu sein, sondern zum Beispiel immer auch Routinen dahinter. Das bedeutet übrigens auch, dass viele mit einem Notizbuch oder gar einem Zettelblock hinreichend organisiert sind; mindestens die Hälfte meines eigenen “Systems” findet auf Papier statt.
Tipps, die darüberhinaus wohl wirklich bei jedem funktionieren: 1. Sag regelmäßig ‘Nein’ zu Aufgaben und Wünschen, die an Dich herangetragen werden (die eigenen eingeschlossen), notfalls auch im Nachhinein. 2. Eine möglichst ruhige (genauer gesagt: ablenkungsfreie) Umgebung ist für viele Aufgaben immer noch die beste Voraussetzung. Das fängt mit dem Abschalten des “Pling” bei neu eintreffenden Mails an und hört mit der einsamen Woche zum Nachdenken in der Berghütte auf. Kaum etwas ist wirklich so dringend, dass es nicht ein paar Stunden warten könnte.































