Produktivität versus Kommunikation: Ab wann hindern E-Mails, Bloggen und Twittern uns daran, kreativ zu sein?
Wie viel Zeit brauchen wir, um produktiv und kreativ zu sein? Um jene Dinge zu verfolgen, die uns wirklich wichtig sind? Und was müssen wir aufgeben, einschränken oder abschaffen, um die Ressourcen zu haben, etwas Neues zu schaffen? Das sind Themen, über die ich derzeit viel nachdenke. Zwei Wochen nahezu ohne Internet-Zugang in der einsamen italienischen Maremma haben meinen Ideen-Akku eindeutig gut aufgeladen.
Aber die Frage ist ja: Brauchen wir eher viel Kommunikation und Input, um auf neue Gedanken zu kommen? Oder brauchen wir vor allem: Ruhe, vielleicht sogar Einsamkeit? So wie auf dem Bild – da war ich Anfang des Jahres auf Island. Sehr einsam und sehr schön. Kein Wunder, dass dort tolle Bands, Künstler und Designer herkommen. Über den Zusammenhang von Kreativät, Austausch und Kontemplation habe ich im Buch einige spannende Studien zitiert, aber die Sache ist für mich immer noch nicht ganz geklärt.
In den letzten Tagen hatte ich dazu einen sehr interessanten E-Mail-Austausch mit meinem klugen Website-Gestalter Torsten Bergler und mit Milos Radovic, der in einem Twitterpost geschrieben hatte, es sei “schade, dass so gute Autoren wie Markus Albers online nicht aktiver sind”. So sehr ich mich über das Lob gefreut habe, so sehr hat mich natürlich die implizierte Kritik geschmerzt. Vor allem aber war ich neugierig, was genau er meint und habe Milos, den ich vorher nicht kannte, also Folgendes gemailt:
“ich finde ja, dass ich eigentlich schon recht ok aktiv bin (wenn man bedenkt, dass ich als spätstarter erst im august überhaupt angefangen habe, online zu publizieren): ich habe eine portfolio- und eine buchwebsite, schreibe zweimal die woche in mein blog, gebe zahllose interview für websites und blogs, schreibe jede menge gastbeiträge, war eine woche lang gastblogger, antworte auch möglichst immer auf kommentare … kurz: was genau würde denn deine wahrnehmung ausmachen, dass ich “online aktiver” bin? sollte ich twittern? kostet auch zeit und meine freundin findet eh schon, dass ich zu oft auf meinem iphone rumtippe. brauche ich eine facebook-seite? ich hab doch meine website und bin für jobsachen mit meinem profil bei kress und xing zu finden …”
Milos hat dann sehr schnell und sehr nett geantwortet und mir einerseits im Grunde zugestimmt, dass er sich sein Urteil vielleicht etwas vorschnell gebildet hatte, mir andererseits aber doch geraten, zumindest Twitter oder Friendfeed zu nutzen. Eine Forderung Ein Vorschlag, den mir auch schon andere Leser unterbreitet haben. Wahrscheinlich werde ich das nun also tatsächlich mal tun und wahrscheinlich wird es mir sogar viel Spaß machen (man muss ja deswegen nicht gleich zu einem Twittertier wie Sascha Lobo werden).
Andererseits sind all diese ungezielten Online-Kommunikationen im Grunde das Gegenteil effizienter Produktivitätsoptimierung. Wer Dinge schaffen will, egal ob ein Buch, einen Song oder einen Businessplan, muss – es hilft alles nichts – die permanente Erreichbarkeit eindämmen. Und zwar nicht nur diejenige durch Job, Kollegen und Chefs. Sondern auch durch Freunde, “friends”, Kontakte und “follower”.
Merlin Mann hat in seinem wie immer inspirierenden Blog 43 Folders kürzlich einige sehr kluge Dinge zu diesem Thema geschrieben. Ich gebe die für mich wichtigsten Auszüge hier einmal in Englisch wieder (Fettungen von mir):
“Thing is: if the amount of time you devote to lite correspondence with individual people exceeds the amount of time you spend on making things, then you may be in a different line of work than you’d originally thought you were. Not that there’s anything wrong with that. But if you’re feeling off your game, it might be a good time to ask yourself whether you’re primarily a writer of novels or of email messages. Do you generate more IMs than comic panels? Have you drafted more web comments than scenes in your screenplay? Or, for that matter, do you find you’re taking more meetings than photos these days? (…)
The challenge for each of us today — maker, worker, leader, or layabout — is to figure out where our own clear line should be drawn, and to determine how we effectively communicate where that line is in a way that’s useful, civil, and as open as we need for it to be. Again, though, all in the context of firewalling time to make things.” (…)
Here’s my one pro tip for you today: once you’ve stolen back your time and wrangled your attention, put it to good use by making awesome stuff that everyone you want to delight can enjoy. Throw a giant tent party for the world and show off what you can do when you stop compulsively typing for an audience of one. Get your awesome out where we can all see it.”
Hier ein Vortrag, den Merlin Mann zu diesem Thema bei Google gehalten hat:
































