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Markus Albers Twitter:

    “Ich glaube nicht an ‘Berufe’ – sondern an einen Prozess von Interessen”

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    Welche Jobs sollen wir lernen, um für eine unübersichtliche Zukunft gerüstet zu sein? Wie können Unternehmen Twitter und Facebook nutzen? Träumt auch ein permanent auf allen Kanälen kommunizierender Mensch wie der Social-Media-Experte Johannes Kleske manchmal von der einsamen Insel ohne E-Mail und Handyempfang? Das sind nur drei der Themen, die Johannes und ich im zweiten Teil meines Interviews mit ihm diskutieren. Den vor einigen Tagen erschienenen ersten Teil gibt es hier.

    Johannes, Du bist Experte für Social Media, Gary Vaynerchuck – über den wir im ersten Teil des Interviews sprachen –  ist Wein-Videoblogger. Beides Berufe, die es vor fünf Jahren noch gar nicht gab. Was bedeutet das für Berufswahl, Ausbildung, etc. – was sollen junge Menschen lernen, wie sich ältere weiterbilden? Versteht Deine Familie, was Du tust?

    Im Detail verstehen Teile meiner Familie sicher nicht, was ich machen. Das kommt vor allem auch daher, dass immer dann, wenn sie es verstanden haben, ich schon wieder etwas leicht anders mache. Das liegt daran, dass ich nicht mehr an „Berufe“ glaube. Die Dinger, die man lernt und dann ein Leben lang ausübt.

    Meine „Berufswahl“ ist ein ständiger und nie endender Prozess. Meine Tätigkeiten entwickeln sich ständig weiter, weil meine Interessen und mein Umfeld sich ständig verändern.

    Gary ist ja auch nicht nur Wein-Videoblogger. Er ist auch Kommunikationsberater, Buchautor, Konferenzsprecher und vieles mehr. Er übt viele verschiedene Berufe aus, weil er sich nicht über seinen Job sondern über sein Talent und seine Interessen definiert. Ich kann nicht sagen, ob diese Herangehensweise für jeden anwendbar ist. Es kann auch gut sein, dass für viele Menschen dieser eine Beruf zentral für ihren Lebensstil ist. Für mich mit meinen vielen Interessen und meiner konstant reflektierenden Lebensweise funktioniert das nicht.

    Erzähl ein bisschen von Deinem Job: Was rätst Du Unternehmen, Kunden, Werbetreibenden, Verlagsmanager?

    Als strategischer Konzepter mit dem Schwerpunkt Social Media bei Neue Digitale / Razorfish berate ich zum einen unsere Kunden, wie sie grundsätzlich mit diesem neuen Ding „Social Media“ umgehen können und entwickle dann dazu Strategien und Kampagnen.

    Das erste, was ich Kunden immer sage ist, dass Social Media die Eigenschaft hat, den wahren Charakter einer Marke und der Menschen dahinter zum Vorschein zu bringen. Steht für eine Marke das Interesse ihrer Kunden im Zentrum, so kann Social Media ein fantastischer Booster sein, der diesen Charakter laut in die Welt trägt.

    Auch hier sei als Beispiel der amerikanische Schuhversand Zappos genannt. Alles, was sie machen, ruft „Wir tuen alles für die Zufriedenheit unserer Kunden.“ Dafür nutzen sie auch Möglichkeiten wie Twitter und werden damit immer wieder als Vorbild für andere Marken präsentiert. Auf der anderen Seite spürt man Marken, die in erster Linie am Profit interessiert sind und Social Media nur als einen weiteren Marketing-Kanal sehen, diese Einstellung sehr schnell ab, was zum umfangreichen Scheitern führt.

    Wie verhindert man das?

    Bei Social Media geht es um den Aufbau und die Pflege einer direkten Beziehung zum Kunden, die auf Augenhöhe und Dialog basiert. Beziehungen beruhen immer auf Langfristigkeit. Wenn ich nach zwei Monaten Beziehungsaufbau plötzlich den Kontakt abbreche, hinterlasse ich einen äußerst verärgerten Gegenüber.

    Deswegen warne ich unsere Kunden immer, sich zu schnell für ein Engagement im Social-Media-Bereich zu entscheiden oder erstmal „ein bisschen zu experimentieren“. Das geht in der Regel nach hinten los. Aus diesem Grund setzen wir mit unseren Kunden immer zuerst auf die Entwicklung einer langfristigen Strategie bevor wie in konkrete Kampagnen für das Social Web gehen.

    Neben dem veränderten Blickwinkel auf die Konsumenten liegt die größte Herausforderung für Unternehmen, die den Dialog suchen wollen, darin, dass ihr Silodenken nicht mehr funktioniert. Social Media sprengt die Aufteilung in Marketing, PR, Service, Verkauf und Entwicklung, weil es im Idealfall alle betrifft und von allen beeinflusst wird. Auf dieses grenzenlose Denken sind die meisten Unternehmen nicht ausgerichtet. Auch deswegen hat Social Media noch einen langen Weg vor sich, bevor der effektive Einsatz Alltag geworden ist.

    Kannst Du ein paar Kern-Einsichten nennen, die man in der neuen Medien- / Kommunikationswelt berücksichtigen muss?

    Das interessante ist, dass viele „Social Media Experten“ selbst wieder Grenzen ziehen, indem sie Social Media als die allein-seelig-machende Disziplin propagieren, die alles andere ablöst. Auch wenn ich Social Media im Jobtitel habe, so wehre ich mich doch vehement gegen dieses Scheuklappendenken und befürworte dagegen eine ganzheitliche Strategie. Aus meiner Sicht werden die Unternehmen am erfolgreichsten sein, die integrierte Kampagnen mit vernetzten Anteilen aus PR, Media, klassischem Marketing, CRM, Analyse, Service und Social Media fahren.

    Ich beobachte leicht amüsiert, wie sich meine Designerkollegen in der Agentur durch Social Media bedroht fühlen, weil plötzlich scheinbar jeder zum Designer wird. Dabei macht genau der Aufstieg der benutzergenerierten Inhalte Experten umso nötiger. Ein Dienst wie flickr braucht Designer, die das Einstellen der benutzergenerierten Bilder intuitiv und schnell machen. Das gleiche gilt für die leidige Debatte um Journalismus vs. Bloggen.

    Wer vorher einen oberflächlichen Artikel eines A-Bloggers oder Spiegel Online gelesen hat, wird nachher ein wohl recherchiertes Essay umso mehr genießen, völlig egal ob in einem Blog oder einer Zeitung. Was sich verändert, ist die Form. Was bleiben wird, ist der Bedarf an Qualität.

    Du blogst und twitterst täglich, reist zu Technologietreffen durch die Welt, machst ‘nebenher’ noch einen regulären Job …

    Dieser komplexe Lebensstil ist Ausdruck meiner grundsätzlichen Herangehensweise an mein Leben. Ich hinterfrage ständig den Status Quo und suche nach neuen Ideen, Dinge anders anzugehen. Mein Problem dabei, ich kann mich nicht nur auf einen Bereich beschränken, weil mich viel zu viel interessiert.

    Wäre ich zum Beispiel einfach nur ein Social Media Stratege, wie es auf meiner Visitenkarte der Agentur steht, hätte ich genug Fokus, um mein Leben recht einfach und gerade zu halten. Aber da sind auch noch Themen wie zum Beispiel Stadtplanung, Retail, Kreativität, Kirche im 21. Jahrhundert, die Fashionindustrie, die Zukunft der Arbeit etc., die mich faszinieren.

    Ich kann mich schlicht nicht für eine Auswahl entscheiden, weil das mein Wesen nicht zulässt. Das führt zu diesem komplexen Lebensstil. Und ja, diese Art zu leben führt auch manchmal dazu, dass ich mir vorstelle, wie ein Leben mit einem einfachen 9-to-5-Job, einem Abend vor dem Fernseher und dem Jahresurlaub auf Malle wohl wäre. Ich würde es wahrscheinlich geschätzte zwei Tage aushalten.

    Hast Du manchmal Sehnsucht nach dem einfachen Leben, der einsamen Insel, dem – zumindest zeitweisen – Ausschalten aller Input-Kanäle?

    In der Realität schafft mir ein weiteres Interessensgebiet den nötigen Ausgleich: Essen. Essen begeistert mich nicht nur wegen der Funktion uns durch Köstlichkeiten zu ernähren, sondern vor allem wegen seiner Fähigkeit Menschen zusammen zu bringen. Ein Abend mit gutem Essen und den besten Freunden ist für mich wie ein Urlaub.

    Auch fasziniert mich der geistliche Rhythmus der Mönche. Auf den Blick erscheint es uns furchtbar nervenaufreibend, alle paar Stunden unterbrochen zu werden, um zusammen zu kommen und vorformulierte Sätze zu sprechen. Aber in der Realität kann eine „gehackte“ Version davon uns eine Struktur schaffen, in der wir kreativ schaffen können, ohne dabei auszubrennen oder im Chaos unterzugehen.

    Wie darf man sich das vorstellen?

    Während ich an meiner Diplomarbeit geschrieben habe, habe ich dieses Prinzip angewendet. Ich habe meine Uhr so eingestellt, dass sie alle zwei Stunden gepiept hat. Dann habe ich den aktuellen Satz zuende geschrieben, bin aufgestanden und habe für ein paar Minuten etwas völlig anderes gemacht. Eine Runde um den Block gelaufen, Wäsche aufgehängt oder ein Gebet gesprochen.

    Der interessante Effekt war nicht nur, dass ich nach sechsstündigen Schreibsessions immer noch einiges an Energie besaß, sondern dass dieser Rhythmus auch meinem Schreiben gut tat. Den mit jeder Unterbrechung zoomte ich für ein paar Minuten von dem kleinen Problem weg, mit dem ich mich gerade beschäftigte und stieg dann wieder mit mehr Übersicht ein. Viele Probleme lösten sich dadurch wie von allein. Und so beendete ich vier Wochen des fokussierten Schreibens, ohne dass ich danach erstmal vier Wochen Urlaub gebraucht hätte.

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    3 Reaktionen zu ““Ich glaube nicht an ‘Berufe’ – sondern an einen Prozess von Interessen””

    1. Insightful and inspiring article/inteview. Sehr nettes interview. Dem Punkt, den J.K. macht, dass Social Media auch nach hinten los gehen kann wenn die Botschaft nicht zum Unternehmen passt, stimme ich zu.

      Diese Art mentale Pausen einzulegen wird heute auch von einigen Hirnforschern empfolen um Lernprozesse zu fördern. Das Zitat fehlt mir jetzt an dieser Stelle aber im Grunde beschrieb er das Gehirn wie einen Puffer der periodisch geleert/abgespeichert werden muss, damit nichts verloren geht. Deshalb wird beim Lernen von neuem Wissen von ihm dazu geraten kleine Schlafpausen von ca. 10-15 Minuten einzulegen.

      Wenn man stark drüber nachdenkt funktioniert vieles im Leben in verschiedenen natürlichen Zyklen. Nur auf der Arbeit brechen wir häufig mit diesen und widmen uns starr einer Sache. Quasi from 9 to 5, if you will.

    2. Tolles, inspirierendes Interview. Wenn mehr Menschen mit soviel Passion an die Dinge die sie tun rangehen würden wäre diese Welt ein ganzes Stückchen schöner.
      Ich habe Johannes bzw. tautoko schon vor circa 2 Jahren kennengelernt und bin seitdem begeistert, inspiriert und neidisch wie Johannes sein Leben sieht und konstant verändert. Allein der Fakt, dass ich über das Web so einfach ein wenig daran teilhaben kann ist ja schon begeisternd..

    3. Ein sehr gutes Interview. Ich sehe das Berufsleben im online Sektor ähnlich.

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