Die Easy Economy und die Finanzmarktkrise – 2 Antworten und 10 Thesen
Derzeit fragen mich immer wieder Menschen, ob es angesichts der Finanzmarktkrise und eines drohenden längerfristigen wirtschaftlichen Abschwungs nicht ein Luxusproblem sei, über mobilere und flexiblere Arbeitsmodelle zu sprechen. Sind Easy Economy und Freianstellung also frivole Eskapaden, die an der Lebenswirklichkeit von Menschen vorbeigehen, die Angst um ihren Job haben? Und warum sollten sich Unternehmen, die ihre Märkte in die Rezession schlittern sehen, gerade jetzt darum bemühen, ihren Angestellten mehr Freiheiten einzuräumen?
Ich habe darauf normalerweise zwei kurze Antworten:
1) Die Easy Economy ist AUCH ein Innovations-, Produktivitäts- und Prozessoptimierungs-Programm. Sie hilft Unternehmen, die klügsten Köpfe anzuziehen, die besten Produkte zu entwickeln … und nebenbei noch Immobilienkosten zu sparen, weil Büros bis zu 50 Prozent kleiner sein können, wenn nicht mehr jeder jeden Tag 9to5 am Schreibtisch sitzt. Insofern ist der Schritt hin zur Easy Economy die beste Vorbereitung für wirtschaftlich schwierigere Zeiten.
2) Wie Dr. Wilhelm Bauer vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation zu dem Thema sagt: Unabhängig von kurzfristigen wirtschaftlichen Trends bewegt sich der alles übergreifende Metatrend in die Richtung der Easy Economy: Aktienmärkte sind volatil, aber technologischer, arbeitsorganisatorischer und gesellschaftlicher Wandel findet vor längeren Zeithorizonten statt und ist darum vergleichsweise stabil. Also: Aktuelle Finanzmarktkrise hin oder her – wir werden in Zukunft mit Hilfe moderner Technik arbeiten, wann und wo wir wollen.
Heute rief mich dann aber eine sehr nette und kluge Unternehmensberaterin an, die mein Buch gelesen hatte und etwas loswerden wollte: Susanne Leithoff hat mir in einem engagierten Vortrag erklärt, warum aus ihrer Sicht die Finanzmarktkrise nicht nur kein Hindernis für die Easy Economy sei, sondern im Gegenteil geradezu Anzeichen und Voraussetzung für einen Paradigmenwechsel in Richtung freier und menschlicherer Arbeitsweisen. Ich fand das überraschend und clever dargelegt, darum habe ich sie gebeten, ihre Argumentation aufzuschreiben und mir zu mailen. Ich möchte ihre 10 Thesen hier einfach ungekürzt zur Diskussion stellen:
1) Dass sich die globale Wirtschaft in einem radikalen Umbruch befindet, kann man angesichts der aktuellen Dramatik an den Finanzmärkten wohl kaum länger als Kaffeesatzleserei abtun. Historisch betrachtet führen jedoch allein die wirklichen Krisen hin zu einem neuen Denken, zu neuen Lösungsansätzen (die frei nach Albert Einstein aus einer höheren, komplexeren Bewusstseinsstufe hervorgehen als die, auf der die aktuellen Probleme und Krisen entstanden sind). Krisen rütteln am Bewusstsein der Menschen und schütteln ihre Vorstellung von “richtig-normal” und “falsch-unnormal”, sowie ihre Überzeugungen, Werte und Ziele tüchtig durch. Wir werden also gerade Zeugen eines umfassenden (weil globalen) Paradigmenwechsels.
2) Die Finanzkrise wird so zum Katalysator einer zunächst memetischen, dann strukturellen Veränderung der Gesellschaft und damit zu einem neuen Verständnis und einer neuartigen Gestaltung der Beziehung zwischen Mensch und Arbeit führen.
3) Aktuell befindet sich vor allem die westliche Welt in einem Zustand, in dem unsere tradierten und bewährten Regeln, Strukturen und Gesetze zu denken, Leben und Wirtschaften zu gestalten, ihre Gültigkeit verloren haben. In einer Zeit, in der die Finanzsysteme sich selbst das Genick gebrochen haben und im Sterben auch das Rückrad von Wirtschaft und Politik brechen, wird deutlich, dass die vielbefahrene Wirtschaftsautobahn in der ausgewiesenen Richtung “Globale Gewinnmaximierung und Expansion” kurz nach den Autobahnkreuzen “Höher”, “Weiter” und “Schneller” plötzlich in einer Sackgasse endet.
4) Wirtschaftlich und arbeitspolitisch mit wohl blutigen Folgen, denn wer nicht zu bremsen vermag stürzt über die Böschung, die Vordersten verkeilen sich in einer Massenkarambolage, der Rest steht erstmal für ein paar Jahre im Stau.
5) Nach der kollektiven Paralyse, als natürliche Folge von Schock und Katastrophen, werden erste Notfallmaßnahmen in Unternehmen folgen, die mit den bisher bewährten, im Zuge des (Um)Bruchs aber mehr und mehr untauglichen, Denk- und Lösungsansätzen, entwickelt wurden. Solche engpasskonzentrierten Maßnahmen werden in der kurzfristigen Erschließung von weiteren Einsparpotenzialen liegen. Damit werden geplante Investitionen auf Eis gelegt, s.g. soziales Engagement und Leistungen gekürzt, Arbeitsplätze abgebaut.
6) Langfristig werden diese Maßnahmen nicht greifen, weil ein Überleben in einem sich neu ordnenden globalen Wirtschaftssystem, ein echtes Umdenken erfordern wird. Chancenreich werden sich dann die Unternehmen aufstellen, die sich auf den eigentlichen Sinn ihrer Unternehmungen zu besinnen vermögen. Maximale monetäre Gewinnorientierung wird dabei nicht mehr das höchste anzustrebende Ziel sein. Vielmehr werden neben der Zielsetzung eines wirtschaftlichen Gewinns auch weitere “Gewinne” angestrebt, wie die guter Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter, optimaler Produkte und Dienstleistungen für Kunden, innovativer Beiträge zur Entwicklung und Inspiration der Region und der Gesellschaft.
7) Vor dem Hintergrund einer umfassenden Reflektion der Wahrhaftigkeit und Gültigkeit bisheriger (prämoderner und moderner) Unternehmensphilosophie und -strukturen wird wohl der “Mensch” als Wirtschaftsfaktor, als Betriebsvermögen und aktiver Treiber des unternehmerischen Erfolgs wieder entdeckt und ins Zentrum der Betrachtung rücken.
8) Unternehmerisches Denken und Handeln, sowie Unternehmenstrukturen werden so auf Dauer unvermeidlich “menschlicher”.
9) Mit dem Aufbruch der alten Strukturkrusten werden neue Ansätze und Ideen entstehen, wie Arbeit menschlicher und damit sinnstiftender, entwicklungs- und gesundheitsfördernder gestaltet werden kann um letztlich die Unternehmens- und Wirtschaftsentwicklung wieder voran zu treiben.
10) Zwangsläufig werden damit auch die bisher als “normal” akzeptierten Konflikte, Widersprüche und Fronten zwischen Unternehmenszielen und -werten und individuellen Zielen und Werten der im Unternehmen arbeitenden Menschen überwunden. Gleichzeit muss eine längst überfällige Anpassung der konventionellen Organisationsstrukturen erfolgen, die so zunehmend den Anforderungen einer postmodernen Arbeitswelt, in der Arbeit im Kern als Kreativitäts-, Innovations-, Produktivitäts- und Wirtschaftsmotor definiert wird, entsprechen. “Freiheit”, “Selbständigkeit” und “Flexibilität” könnten dann als oberste Maxime für die Neugestaltung von Arbeits-, Organisations- und Produktionsstrukturen gelten.
Soweit Susanne Leithoff zum Zusammenhang von Finanzmarktkrise und Easy Economy. Ich finde: Sehr bedenkenswerte Ideen.
































