“Carsharing für Arbeitsplätze und eine neue Kultur von Kollaboration”

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“Schöner arbeiten”, der von Sebastian Sooth, dem Newthinking Store und mir im letzten Dezember organisierte erste Berliner Coworking-Kongress
(Foto: Alex Lang)


In der kleinen Reihe von Interviews mit interessanten Personen, die im Kontext dieses Blogs, aber auch für die Rechere an meinem neuen Buch relevant sind, kamen schon Rolf Potts und Johannes Kleske zu Wort. Heute ist Sebastian Sooth dran, Mitgründer des Berliner Hallenprojektes und Vordenker des Coworking, einer neuen, mobilen und kollaborativen Art zu arbeiten. Wie diese funktioniert und warum sie nicht nur für Freiberufler, sondern auch für große Unternehmen interessant ist, erklärt er am besten selbst … Teil zwei des Interviews folgt in einigen Tagen.

Sebastian, kurz für alle, die es noch nicht wissen: Was bitte ist Coworking?

Coworking ist das gemeinsame Arbeiten an einem Ort. Coworking ist das produktive Arbeiten mit Gleichgesinnten in inspirierender, motivierender Atmosphäre im halböffentlichen Raum zwischen Großraumbüro, Home-Office und Café. Beim Coworking geht es nicht in erster Linie darum, an denselben Sachen zu arbeiten. Im Fokus steht das Schaffen einer Arbeitsumgebung, in der man selbstbestimmt gerne arbeitet und einfach soziale Kontakte mit anderen, ähnlich arbeitenden Menschen herstellen kann. Mit Coworking Spaces entstehen Orte, die genau dafür eingerichtet sind.

… und welche Rolle spielt das von Dir mitinitiierte “Hallenprojekt” in diesem Zusammenhang?

Das Hallenprojekt verbindet Coworker, Coworking-Orte und Menschen, die Plätze für Coworking schaffen oder anbieten wollen. Mit der Upstream-Halle in Berlin-Friedrichshain und Coworking Orten betreiben wir auch selber Coworking Spaces. Auf Hallenprojekt.de kann man diese Orte finden, andere Coworker treffen und sehen, wer gerade wo und woran arbeitet.

Sind das Treffpunkte nur für Freiberufler und gelangweilte Heimarbeiter?

Das Hallenprojekt versteht sich als Plattform für alle, die gerne mobil arbeiten – und wissen wollen, wer das da am Nachbartisch ist und voran er arbeitet. Für alle, die keine Lust haben, alleine im Homeoffice zu sitzen. Für alle, die keine Lust haben, jeden Tag am selben Ort mit denselben Leuten zu arbeiten. Für alle, die gerne mehr Zeit- und Ortsautonomie beim Arbeiten haben. Egal, ob Freiberufler oder Angestellte. Egal, ob Einzelkämpfer oder Projektteam.

Was genau ist Dein Job dabei?

Als Hallenprojektteam organisieren wir die Verbreitung des Gedankens einer neuen Arbeitskultur und zeigen, wie man von ihr profitieren kann. Durch Aktionen wie den Coworking-Day im letzen Dezember und unsere Arbeit auf Veranstaltungen informieren und vernetzen wir Interessenten. Mitte des Jahres werden wir einen Coworking-Kongress veranstalten, um mit den vielen Aktivisten aus ganz Deutschland und anderen Ländern das Thema zu stärken.

Außerdem beraten wir Menschen und Organisationen, die selber Coworking Orte schaffen wollen. Zur Zeit arbeiten wir an einem Coworking-Space-Modulpaket, mit dem man bestehende Räumen, ob Café, Großraumbüro oder Bürogemeinschaft zu einem Coworking Space ausbauen kann. Das Hallenprojekt soll dabei zu einer Art Dachmarke für verschiedene Coworkingorte werden.

Da Arbeit auch in Unternehmen immer mobiler und flexibler wird – wäre ein deutschland- oder sogar weltweites Netz von Coworking-Spaces die Zukunft der Arbeit? Können wir bald überall arbeiten, wo wir wollen?

Wir befinden uns gerade in einer Übergangsphase. Weltweit entstehen einzelne Coworking Spaces, auch in Deutschland gibt es eine Menge entstehender Ansätze. Alleine in Berlin gibt es mit dem selfhub, dem Betahaus, dem BusinessClassNet und der upstream-Halle verschiedene Ansätze für Coworking Spaces, dazu eine Menge DeskSharing-Angebote bei größeren und kleineren Firmen. Die Zusammenarbeit der einzelnen Orte steht noch ganz am Anfang.

In Zukunft wird man so selbstverständlich zum Arbeiten in einen Coworking Space gehen wie man heute ins Büro, in die Kneipe, in den Club geht. Coworking wird wie eine Art “Carsharing für Arbeitsplätze” funktionieren. Die Zusammenarbeit in virtuellen und realen Räumen wird solche Orte neu verbunden.

In den USA und Kanada haben die Betreiber verschiedener Coworking Orte kürzlich die Aktion Coworking Visa gestartet – eine Wikiseite, auf der man sehen kann, wie man als zahlendes Mitglied eines Ortes auch anderen Orten arbeiten kann. Mittlerweile nehmen daran Spaces in sechs Ländern teil.

Ist so eine weltweite Mobilität überhaupt für viele Menschen realistisch und wünschenswert?

Ein Vorteil bei weltweiter Mobilität ist, dass sie mir auch lokale Mobilität gibt. Wenn ich in meiner Stadt oder in meinem Landkreis mehrere Orte zu Auswahl habe, an denen ich arbeiten kann, gibt mir das auch in meinem ganz konkreten Lebensumfeld ganz neue Freiheiten, um zu arbeiten wann und wie ich will. Außerdem spare ich mir mit einem Coworking Space in meiner Nachbarschaft lange Pendlerwege ins Büro, ohne im Homeoffice ohne soziale Kontakte zu vereinsamen.

Wie könnte ein solches Netzwerk konkret aussehen und wie könnten auch Unternehmen sich beteiligen / davon profitieren?

80 Prozent der Deutschen würden gerne einen oder mehrere Tage in der Woche nicht nur im ewig gleichen Büro arbeiten sondern sich ihre Arbeitszeit freier einteilen können. Für “klassische Unternehmen” ist da das Angebot für Mitarbeiter, an selbstgewählten Orten zu arbeiten vor allem eine Möglichkeit zur Erhöhung der Mitarbeiterzufriedenheit und zum Beschäftigen von passenden Mitarbeitern, die nicht mehr unbedingt am selben Ort wie das Unternehmen leben müssen. Dafür müssen Unternehmen und vor allem die Führungskräfte in diesen lernen, Arbeitsprozesse statt mit rigider Kontrolle mit zielorientiertem Arbeiten und Vertrauen zu organisieren.

Richtig spannend wird es aber für die “neuen Unternehmen”, die Don Tapscott in Wikinomics beschreibt. Wenn die Grenzen eines Unternehmens sich auflösen und offener werden, wenn man auch mit Außenstehenden, egal ob Kunden, Dienstleistern, Experten oder Partnerfirmen, zusammenarbeitet, dann sind Coworking Spaces natürlich ein perfektes Mittel, um Menschen einen gemeinsamen Raum zur Verfügung zu stellen.

Eine Studie von Deutsche Bank Research geht davon aus, dass 2020 15 Prozent der Gesamtwertschöpfung durch temporäre, kooperative Zusammenarbeit entstehen wird. Das benötigt natürlich eine ganz neue Kultur von Transparenz, Freiwilligkeit und Kollaboration. Coworking ist eine Grundlage dafür. Unternehmen können sich sehr einfach daran beteiligen. Zum einen, in dem sie nicht genutzten Platz dafür zur Verfügung stellen – oder selber spezielle Coworking Spaces einrichten und anbieten. Zum anderen, in dem sie ihren Mitarbeitern und Partnern diese neue Freiheit aktiv erlauben – und sie dabei unterstützen, mit ihr umzugehen. Und natürlich können sich Unternehmen auch direkt an uns wenden (info@hallenprojekt.de), weil wir dann gemeinsam die geeigneten Formen entwickeln und nutzbar machen können.

Beim Coworking soll man sich unter anderem disziplinübergreifend kennen lernen und kreativ sein. Kann es nicht auch nerven, wenn mir beim Arbeiten ständig Fremde über die Schulter schauen?

Klar kann das auch störend und ablenkend sein, aber der Vorteil gegenüber der 9to5-Arbeit in einem Büro ist, dass ich einfach meinen Platz, meinen Ort, mein Gegenüber flexibel aussuchen kann. So kann ich in der für meine momentane Arbeit inspirierendsten Arbeitsumgebung arbeiten.

In der Upstream-Halle arbeiten zum Beispiel auch viele Programmierer. Hier hilft man sich dann gerne gegenseitig mit Tipps und Ideen, auch wenn man eigentlich an unterschiedlichen Projekten arbeitet.

Menschen mit anderen Aufgaben, die aber in ähnlichen Umfeldern denken und arbeiten, können gerade dann sehr hilfreiche Coworker sein, wenn man ihnen nur ein kleines Teilproblem auseinandersetzen muss. Man muss ihnen nicht das große Ganze erklären, sie verstehen auch Fragmente und geben hilfreiche Hinweise zurück.

2 Reaktionen zu ““Carsharing für Arbeitsplätze und eine neue Kultur von Kollaboration””

  1. […] Und Markus Albers berichtet im Blog zu seinem Buch morgenkommichspaeterrein.de über die neuen mobilen und flexiblen Arbeitswelten von Festangestellten und auch über Coworking. Unter anderem gibt es dort auch ein zweiteiliges Interview mit dem Hallenprojekt. […]

  2. […] 2009 · Kommentar schreiben Im Blog von Markus Albers gibt es unter oben stehendem Titel ein Interview mit Sebastian Sooth, einem Coworking-Vordenker in Deutschland und Kopf hinter dem Hallenprojekt. Im Interview […]

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